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Thilo Sarrazins Lesung im LehmbruckMuseum

 

Thilo Sarrazin hatte „Heimspiel“ im Wilhelm Lehmbruck Museum

Duisburg, 29. November 2010 - Das war schon beklemmend, nach einem Sicherheitscheck wie am Flughafen, in dem sehr großen Saal des Lehmbruck Museums jenen Mann zu sehen, der mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ vielen Menschen anscheinend aus der Seele spricht und vielen anderen als Abbild des einzig Bösen entgegenkommt.

Man traf auf jenen äußerst sachlichen, nüchternen und rational denkenden Realisten und scharfsinnigen Analysten, der sein Buch anhand belegbarer Statistiken geschrieben hat. Er fühlt sich, wie er erklärte, als Aufklärer der die Menschen auffordert, selbst zu denken, und sich nicht entmündigen zu lassen, auch bei unbequemen Diskussionen.

Rund 150 Zuhörer waren in das Kunst Museum gekommen und als Sarrazin den Veranstaltungssaal betrat, entbrannte ein stürmischer Applaus.

Im Hintergrund hörte man die rund 200 Demonstranten, die in der Eiseskälte lautstark vor dem Museum gegen die Veranstaltung demonstrierten. Mehrere hundert Polizisten sicherten das Gelände rund um das Museum ab.

Dennoch stürmten gegen halb acht mehrere Linksautonome auf das Museum zu, durchbrachen eine Polizeikette konnten aber wieder gestoppt werden.

Ausschlaggebend für die Veranstaltung war eigentlich die im Rahmen von RUHR 2010 durchgeführte Ausstellung “Here & There” mit der bekannten roten Integrationscouch, die bereits an vielen Orten der Welt stand, an dem Abend jedoch zunächst etwas abseits am Rande der Szenerie.
Im Publikum auch Kulturdezernent Karl Janssen.

In seiner Begrüßung erklärte Museumsdirektor Raimund Stecker den Grund für die Einladung an den umstrittenen Schriftsteller in der Zeit der laufenden Wackerbarth Ausstellung.
Und er stellte die Worte eines ebenfalls umstrittenen Künstlers in die Diskussion, nämlich Joseph Boys, der einmal sagte: Wer nicht denken will, fliegt raus!“ – Stecker ergänzte: „Hier fliegt keiner raus. Wir erwarten eine interessante Diskussion!“

Doch bereits die ersten Ausführungen im freien Vortrag des ehemaligen Finanzsenators von Berlin, Thilo Sarrazin (SPD), brachte ein Raunen in die Zuhörerschaft. Den Gang durch die Ausstellung interpretierte der Redner, dass diese mit seinem Thema nur optisch etwas zu tun hätte, denn der rote Bucheinband passe zum roten Sofa. Man setzt sich auf dieses und bewegt sich nicht. Alles passt zusammen. Der Unterschied zwischen Kunst und Leben sei dort allerdings nicht gegeben.
Als Zahlenjongleur und reiner Statistiker versuchte Sarrazin die demografische Bevölkerungsentwicklung zu interpretieren und damit das Verschwinden des deutschen Bevölkerungsanteils. Das nur für ihn greifbare Resümee: „Da Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent vererbbar ist werden wir in drei Generationen verdummen!“

Hierfür erntete Sarrazin wieder großen Applaus im ausverkauften Saal.

Migration sei früher ein Zauberschlüssel für alles Mögliche gewesen, so auch die Anwerbung von Gastarbeitern in den 50er und 60er Jahren. Heute stelle sich die Frage nach der Herkunft eines Migranten, wobei er insbesondere die Muslime in den Mittelpunkt seiner Rede stellte.
Ebenfalls leitete er aus Statistiken ab, dass Migranten ohne muslimischen Hintergrund sich nicht von Deutschen unterscheiden. Durch Bildung wäre eine Integration am Arbeitsmarkt erfolgt und eine Inanspruchnahme von Sozialleistungen nicht erforderlich. Dieses wären für ihn die entscheidenden Kennzeichen für eine Anpassung an den „deutschen Lebensstil“, was auch immer damit gemeint war.

SPD-Fraktionssprecher der Bezirksvertretung Mitte Dr. Lothar Tacke (Zweiter von rechts) im Gespräch mit Sarrazin

Anders sei es bei der Gruppe von Muslimen. Vergleiche mit anderen Ländern sollten diese Ansicht noch untermauern.
Auch das Russlanddeutsche im Gegensatz zu türkischen Migranten nicht innerhalb ihrer Volksgruppe heiraten sei ein Beweis für seine Theorien. Und eben diese umstrittenen und provokativen Aussagen führen zu den großen Diskrepanzen zwischen Befürwortern und Gegnern seiner Thesen.

Interessant war die „pro Sarrazin“ Stimmung bei der Mehrheit des Publikums zu beobachten, das seinen Ausführungen uneingeschränkt zustimmte. Die Statements der Betroffenen aus den von Migranten geprägten Duisburger Stadtteilen, die ihre alltäglichen Probleme im nicht funktionierenden Zusammenleben schilderten, zeigten, dass es an vielen Stellen hier immer wieder hakt. Dieses zu verallgemeinern sei allerdings der völlig falsche Weg, gab eine Teilnehmerin zu verstehen.

Das ganz Deutschland in einigen Jahren aussehen könnte wie heute Duisburg-Marxloh konnte Sarrazin nicht belegen und bemühte erneut die von ihm gelesenen Statistiken.
Zum Abschluss seiner 43minütigen Rede gab es noch einmal einige provokative Äußerungen und Fragen: „Wir müssen wissen, was wir selbst wollen? Wollen wir weiter in großem Umfang Zuwanderung aus muslimischen Ländern? – Und bei den hier lebenden Migranten müsse der Integrationsdruck erhöht werden!

Und dann kam der Moment, als die „Rote Couch der Integration“ in den Mittelpunkt gerückt wurde. Hierauf saßen auf der Couch Duisburgs Kulturdezernent Karl Janssen (was so eigentlich gar nicht geplant war), der doch sehr geschockt vom Auftritt Sarrazins war sowie Künstler Horst Wackerbarth auf der einen, Thilo Sarrazin auf der anderen Couchhälfte. Und mitten durch ging ein Riss durch diese Couch, die den Zwiespalt der Diskutanten auch optisch sehr deutlich zeigte.

Karl Janssen (Bildmitte) attestierte Sarrazin erst einmal eine ermüdende Rede und warf ihm vor die Gesellschaft zu spalten. „Sie sind ein unerträglicher Populist!“
Seine Ausführungen dienten alleine dazu, die Angst bei seinen Zuhörern und Lesern zu schüren. Gerade in Duisburg sei es wichtig, mit den Migranten zusammenzuleben. Janssen wird von den Anhängern Sarrazins ausgelacht. Konter vom Autor: „Sie sind sehr naiv. Kümmern sie sich lieber um ihre Migranten in Marxloh!“

Die Fallbeispiele der Sarrazin Befürworter, die ihre persönlichen Erlebnisse aufzeigten, die ein solches Zusammenleben nicht immer in einem guten Licht beleuchteten, zeigten dem Dezernenten allerdings auch, dass man hier noch sehr intensiv daran arbeiten muss.
Dabei waren alle Äußerungen Sarrazins immer wieder gekrönt vom Applaus aus dem Publikum. „Endlich sagt jemand mal, was gesagt werden muss“, so ein Zwischenruf aus dem Publikum, und das „die Türken“ dafür verantwortlich seien, dass „Deutschland den Bach runter“ gehe.

Sarrazins Gegenredner Horst Wackerbarth empfand dessen Ausführungen als technokratisch und alles sei nur eine Marketingstrategie für sein Buch. Auch kritisierte Wackerbarth, dass Sarrazin die Ausbeutung von Entwicklungsländern auf der Welt ignoriere.
Völlig unrealistisch waren allerdings Sarrazins Aussagen zum Umgang mit den Problemen auf dem afrikanischen Kontinent. Das sich jedes Land um seine eigenen Probleme kümmern muss, was bei den oftmals korrupten afrikanischen Regierungen nicht immer möglich ist, kann allerdings nicht das Ende der Entwicklungshilfe bedeuten. Und hier auch wieder eine Befürchtung Sarrazins, dass Flüchtlinge aus den muslimischen Ländern Afrikas das deutsche Sozialsystem ausbluten werden.

Hierauf entgegnete der sichtlich erboste Kulturdezernent Karl Janssen: „Wir müssen unserer globalen Verantwortung gerecht werden. Sie hingegen wollen die Grenzen um Deutschland wieder aufziehen und bezeichnen Entwicklungshilfen als unrentable Ausgaben.“
Sarrazin warf ihm in der sich immer mehr aufheizenden Debatte vor: „Sie wollen keine Grenzen? So weit ich weiß ist Duisburg bereits jetzt Pleite. Die Türkei kennt kein Sozialsystem. Wer dort keine Arbeit oder eine Familie hat der geht elendig zugrunde. Natürlich will da Jeder aus dem wilden Kurdistan zu uns. Wir schaffen falsche Anreizstrukturen. Nur wer sein Unterhalt selbst verdient sollte bleiben dürfen.“

Auch der so wichtige Faktor „Sprache“ sollte von der Politik eingefordert werden. Alle Menschen sollten die Landessprache Deutsch lernen und auch im Privaten sprechen. Das sei in anderen Einwanderungsländern Standard. Da kennen Australier, Kanadier oder Amerikaner kein Pardon!

Als nach einer doch immer wieder sich im Kreise drehenden Diskussion Raimund Stecker diese beendete, sollten sowohl Horst Wackerbarth als auch Thilo Sarrazin ihre Bücher signieren.

Alleine bei Thilo Sarrazin konnte man hinterher rund 100 Buchkäufer sehen, die um ein Autogramm baten.

Jener Mann, der nach Meinung vieler Besucher den Politikern mit überspitzten Argumenten den Spiegel vorgehalten hat.  HaMo