13. Mai 1943: Ziel Duisburg

 

Zeitzeugen Duisburg erinnern:
65.Jahrestag der Zerstörung der Duisburger Altstadt

13. Mai 1943
Vor 65 Jahren starb die Duisburger Altstadt
In 20 Stunden 180.000 Zentner Bomben

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Der 4. Angriff gegen Duisburg - „Battle of the Ruhr“ ist der 161. Luftangriff. Zwischen 1.52 und 2.55 Uhr in der Nacht vom 12./13.05.1943 stirbt das alte Duisburg, die mittelalterliche Altstadt.
Mit 1085 Sprengbomben, 106 Luftminen, 112.700 Brandbomben (1,7 kg) und 15.275 Phosphorbrandbomben (14 kg) verwandelt man die Stadt in ein „Flammendes Inferno“.

Casablanca und die „Pointblank Directive“
1943 hatten sich die Alliierten zum Ziel gesetzt „Deutschland sturmreif zu bomben“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Eine der Konsequenzen auf deutscher Seite ist die Forcierung der Evakuierungsbemühungen. Insbesondere werden alle allgemein bildenden Schulen geschlossen und in die als weniger gefährdeten Gebiete und nach Böhmen und Mähren verlagert. Auch das Duisburger Stadttheater, das bis dahin in Ausweichquartieren gespielt hat, wird in diesem Jahr nach Prag verlegt.

Die Rechnung, dass die Angriffswirkung steigen, die Verlustquote aber fallen müsse, je mehr Bomber in einem einzigen Angriff massiert werden, erweist sich als richtig.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

Das britische Bomberkommando wird in seiner Meinung bestärkt, das Ziel der Luftoffensive werde nicht mit Tagesangriffen zu erreichen sein. Nachts fehlt freilich die Präzision gegen einzelne militärische Ziele. Aber das will man ja auch gar nicht. Große Flächen sollen zerstört, ganze Städte ausgelöscht werden.

„Von Essen abgesehen, haben wir niemals ein besonderes Industriewerk als Ziel unserer Nachtangriffe gewählt“,

schreibt Luftmarschall Harris später.

„Die Zerstörung von Industrieanlagen erschien uns als eine Art Sonderprämie.
Unser eigentliches Ziel war immer die Innenstadt.“
Unter solchen Vorzeichen trat die Luftschlacht über Deutschland 1943 in ihr entscheidendes Stadium.

Auf der am 14. Januar 1943 in Casablanca beginnenden Konferenz werden zwischen Roosevelt, Churchill und deren Führungsstäben unter anderem auch die wichtigsten Ziele für die alliierte Bomberoffensive gegen Deutschland (Combined Bomber Offensive) festgelegt.
Da die Amerikaner der Ansicht sind, nur bei Tagesangriffen Erfolge zu erzielen, sind sie nicht bereit, die RAF Angriffstaktik der Flächenbombardierungen deutscher Städte zu übernehmen.
Daher werden US Bomber tagsüber gegen Industrieanlagen eingesetzt, während die Engländer weiterhin Nachtangriffe auf Wohnviertel durchführen. Diese Strategie erhält den Codenamen „Pointblank Directive“
Im Schlusskommunique von Casablanca wird diese Form des Luftkrieges
„als mutmaßlich entscheidendes Mittel der Kriegsführung“ gerechtfertigt.

Nach der Zerstörung Lübecks und Rostocks im Jahr 1942 hat der britische Informationsminister noch betont, dass „keine Anweisung ergangen ist, vor allem Wohnhäuser und nicht Rüstungsfabriken zu bombardieren“

Er fährt allerdings geschickt fort:
„Aber bei Nachtangriffen ist es unmöglich, zwischen den Fabriken und den Wohnhäusern in ihrer Umgebung einen Unterschied zu machen.“
Und nun, ein Jahr später, am 31. März 1943, beruhigt der zuständige Minister Abgeordnete im Unterhaus mit dem Hinweis, „dass Ziele des Bomber Command immer militärisch seien, dass aber bei Nachtangriffen auf Militärziele das umliegende Gebiet notgedrungen mit einbezogen werde.“

Harris, der Chef des Bomber Command, hat jedoch schon bei seinem Dienstantritt eine Anweisung von Marshal Portal vorgefunden, in der eindeutig als Zielpunkt bebaute Gebiete und keinesfalls Fabriken herausgestellt werden. Und Harris 1943:
„Casablanca beseitigt die letzten moralischen Hemmungen.
Wir erhalten für den Bombenkrieg völlig freie Hand.“

Deckname „cod“

Der besondere Charakter Duisburgs, der am weitesten nach Westen vor gelagerten Industriestadt des Ruhrgebietes, an der Mündung der Ruhr in den Rhein gelegenen, die vor dem Krieg ein Drittel der Eisen- und Stahlproduktion des Altreiches lieferte, ihre Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt und größter Binnenhafen der Welt, der für die Versorgung des Rhein - Ruhr Gebietes und den Umschlag der Güterproduktion dieses Wirtschaftsgebietes mit ausschlaggebend war, bedingten ihre besondere Luftgefährdung.

Es war für die Engländer nicht immer einfach einen Angriff geheim zu halten. Die Vorbereitungen waren auf den zahlreichen Einsatzflughäfen in den vielen Städten und Dörfern entlang der britischen Ostküste nicht zu verbergen. Doch nicht ganz so einfach war es für die Deutschen, das jeweilige Ziel zu ermitteln, denn die Engländer hatten den Städten in Deutschland Decknamen gegeben. Diese wurden immer bis zum „briefing“, der Einsatzbesprechung vor einem Angriff, geheim gehalten.

Doch wären diese Code Namen leicht zu entschlüsseln gewesen, wenn man sie denn abgehört hätte. Man hätte diese nur mit den Zeitungsmeldungen am Morgen nach einem Angriff vergleichen brauchen und nach und nach ein einigermaßen vollständiges Bild erhalten.

Da sich Air Marshal Robert Saundby, Stabschef im BOMBER COMMAND, als begeisterter Sportangler unter den Fischen auskannte, nahm er kurzerhand die Fischnamen zur Hilfe.
Eine Liste mit den „Fish Code Names“ der deutschen Städte liegt im Public Record Office in Kew und diese zeigt mit handschriftlichen Nachträgen insgesamt 70 Städte in alphabetischer Reihenfolge zwischen Aachen und Zwickau.

DUISBURG cod Kabeljau

Wenn man im Frühjahr 1943 im Stab des Bomberkommandos der RAF den Namen „Duisburg“ hört, dann verfinstern sich die Mienen der Offiziere, die im unterirdischen Hauptquartier in High Wycombe Dienst tun.

Nur sie kennen das ganze Ausmaß des Fehlschlags aller bisherigen Angriffe gegen die Stadt an der Mündung der Ruhr. Nur sie wissen, wie groß die Menschen- und Materialverluste sind, die das Bomberkommando auf sich genommen hat, um Duisburg in Schutt und Asche zu legen. Und sie wissen auch, dass Duisburg nur ein paar Schrammen davongetragen hat.

Die Duisburger selbst ahnen nicht, wie oft das Schicksal ihnen bereits gnädig gewesen ist. Ihre Stadt sollte schon seit Beginn des Krieges vernichtet werden.

Aber wenn die Bomberflotten mit dem Ziel „Duisburg“ starten, dann steht der Fehlschlag eigentlich schon vorher fest. Zwar fallen in diesen Nächten manchmal auch einige Bomben auf Duisburg, aber die Masse der Bomben fällt garantiert auf andere Städte des Ruhrgebiets.
Und wenn einmal zahlreiche Bomben auf Duisburg fallen, wie ein Jahr zuvor in der Nacht vom 1. zum 2. Juni 1942, dann sind sie nicht für Duisburg, sondern für Essen bestimmt.
Obwohl Duisburg durch seine Lage an Rhein und Ruhr sowie durch den riesigen Binnenhafen ein deutlich zu erkennendes Ziel zu sein scheint, hat die Stadt zwei mächtige Verbündete: die feuchten Schwaden des Rheins und die Abgase der zahllosen Fabrikschornsteine. Sie verbinden sich zu einem dichten Dunstschleier. der aus großer Höhe nicht mehr durchsichtig ist. Und die starken Flakbatterien rings um die Stadt sorgen dafür, dass die Bomber so hoch wie nur irgend möglich fliegen müssen.

Selbst während der gewaltigen Luftschlacht an der Ruhr im Frühling 1943 scheint Duisburg das Glück günstig gesonnen zu bleiben. Bei den ersten drei Angriffen, am 25. März sowie am 8. und 9. April 1943, bei denen 955 Bomber gestartet sind, liegt eine geschlossene Wolkendecke über dem Ruhrgebiet. Die Schäden in der Stadt sind gering.
Auch der vierte Großangriff auf Duisburg, in der Nacht vom 26. zum 27. April 1943 mit 557 Maschinen geflogen, wird ein Misserfolg... obwohl diesmal der Himmel wolkenlos und die Sicht gut ist.

Sieben Mosquito Schnellbomber, die von England aus durch „OBOE“ nach Duisburg gelenkt werden, werfen ihre roten Markierungsbomben direkt ins Stadtzentrum. Sechsundzwanzig Pfadfindermaschinen können die roten Markierungsbomben rechtzeitig durch grüne ersetzen, bevor sie erlöschen und dadurch während der gesamten Angriffsdauer das Ziel weithin kenntlich machen.
Und trotzdem geht irgendetwas schief, wie immer bisher in Duisburg. Aufklärerfotos zeigen, dass die Stadt längst nicht so stark zerstört ist, wie sie nach diesen günstigen Angriffsbedingungen sein müsste.

Luftmarschall Harris steht vor einem Rätsel. Er setzt eine wissenschaftliche Studienkommission ein, die das Rätsel Duisburg‘ für ihn lösen soll. Eine Woche später legen die Wissenschaftler dem Luftmarschall das Ergebnis ihrer Studien vor. Sie haben nicht nur das Rätsel gelöst. Sie haben auch einen Weg gefunden, wie Duisburg garantiert zerstört werden kann.

„Für diese Stadt ist das Verfahren des Flächen-Bombardements ausgesprochen unwirtschaftlich,“ heißt es in der Denkschrift.

„Zum Stadtgebiet gehören große Flächen von unbebautem Gelände, die sich in wirren Mustern zwischen die einzelnen Stadtteile schieben. So werden zahlreiche über Duisburg ausgelöste Bomben verschwendet, weil sie auf Wasserflächen oder Felder fallen.“

Der zweite Punkt des Untersuchungsberichtes stellt eine weitere simple Tatsache fest:
„Obwohl die Hafenanlagen bisher bei jedem Angriff als Zielpunkt festgelegt und mehrfach auch ausreichend markiert worden sind, konnten dort keine wesentlichen Zerstörungen festgestellt werden. Dagegen zeigen die Zielaufnahmen, dass die Bombeneinschläge je weiter vom Zielpunkt entfernt liegen, je länger der Angriff dauert. Die Einschläge kriechen bis zu zwanzig Kilometer nach rückwärts. In Duisburg aber, das aus dem Norden angeflogen wird, bedeutet dieses Rückwärtskriechen des Angriffs, dass die Bomben in die dünn bebauten Gebiete zwischen Duisburg und Oberhausen und in die Kirchheller Heide fallen.“

Je stärker der Flakschutz einer Stadt ist, so belehren die Wissenschaftler die Offiziere, umso stärker ist auch das „Zurückkriechen“ der Bombeneinschläge. Dagegen liegen die Einschläge bei einem Angriff auf eine unverteidigte Stadt fast immer dicht und geschlossen rings um die Markierungsbomben.

Bombenschützen sind eben auch nur Menschen. Und viele von ihnen drücken zu früh auf den Auslöseknopf, wenn ihre Maschinen im Tod verheißenden Explosionshagel des Flak Sperrfeuers hin und her geschüttelt werden. Sobald die Bomben nämlich abgeworfen sind, kann der Pilot die Maschine auf dem kürzesten Weg aus dem Abwehrfeuer herausfliegen...

„Wenn der fünfte Großangriff auf Duisburg erfolgreicher sein soll als alle bisherigen, dann muss der Zielpunkt des Angriffs rund 2,5 Kilometer südlich des eigentlichen Ziels, der Hafenanlagen, liegen“, heißt es im Memorandum der Wissenschaftler an den Bombenchef.

„Eine solche Verlagerung des Zielpunktes dürfte ausreichen, um auch beim unweigerlich eintretenden Rückwärtskriechen der Einschläge die Innenstadt und das gesamte bebaute Stadtgebiet von Duisburg mit Bomben einzudecken.“

Das ist die Vernichtungstheorie der Wissenschaftler für Duisburg. Die Praxis folgt der Theorie auf dem Fuß. Am Vormittag des 12. Mai 1943 werden sämtliche Telefonleitungen von den Flugplätzen der Bomber nach draußen abgeschaltet. Wenig später hängen die Einsatzbefehle für 572 Besatzungen an den Schwarzen Brettern. Am frühen Nachmittag drängen sich die Männer vom fliegenden Personal in den großen Nissenhütten zur Einweisung.

„Ihr Ziel in der kommenden Nacht heißt Duisburg,“ erklären die Operationsoffiziere.
„Der Hafen ist der größte Binnenhafen Europas. In den Duisburger Hütten- und Walzwerken werden dreißig Prozent der deutschen Eisen- und Stahlproduktion gewonnen und verarbeitet. Die Stadt ist einer der wichtigsten Eisenbahnknotenpunkte des Reiches, mit über vierhunderttausend Einwohnern. Das Bomberkommando erwartet von jedem seiner Angehörigen einen todesmutigen Einsatz, damit dieser Eckpfeiler der Festung an der Ruhr endlich einstürzt.“

Am 13. Mai 1943 kommt die erste große Katastrophe des Luftkrieges über Duisburg. Große Teile des alten Duisburg sinken für immer in Schutt und Asche.

Unsere Stadt hat bereits an die hundert Bombenangriffe hinnehmen müssen, bevor in Essen überhaupt die erste Bombe fällt und auch Düsseldorf fühlt sich

zunächst noch sicher. Doch der erste schwere Großangriff am 13. Mai 1943 fordert mehr Opfer und richtet größeren Schaden an als alle vorherigen Angriffe auf die Stadt und von diesem Tage an lebt die gesamte Duisburger Bevölkerung ständig in der Furcht, dass sich der Großangriff auf die Stadt noch massiver wiederholen wird.

Dieser Angriff ist nach englischen Angaben der schwerste, der bis dahin gegen eine deutsche Stadt geflogen worden ist. Besonders die Altstadt wird schwer getroffen. Münz- und Kasinostraße völlig vernichtet, die Beekstraße zu 90 %, ähnlich die Umgebung des Burgplatzes mit der Salvatorkirche und zahlreichen historischen Bauten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Steinsche Gasse/Friedrich-Wilhelm-Platz
 

Nach dem Großangriff vom Mai 1943 liegt der Hafenbetrieb eine Woche lang still. Der Hafenbahnhof wird schwer beschädigt, Bahnanlagen, Kipper und Kippanlagen zum Teil total zerstört. 300 Schiffe werden beschädigt, davon sinken 34. Das Duisburger Straßenbahndepot wird schwer, das in Duisburg Meiderich mittelschwer beschädigt.

In einem vertraulichen Bericht vom 21. Juni 1943 an das Polizeipräsidium Duisburg schildert Oberbürgermeister Freytag sehr deutlich die Wirkungen der Fliegerangriffe auf die Stadt in den ersten drei Kriegsjahren. Zweck seiner Ausführungen solle sein, ein
„der Wirklichkeit entsprechendes Bild von den in Duisburg in drei Jahren planmäßigen Luftkrieges angerichteten Fliegerschäden zu geben. Dabei sollen die in der Öffentlichkeit genannten, z.T. übertriebenen Zahlen auf ihr richtiges Maß zurückgeführt werden.“

Und Freytag weiter:
„Seit mehr als drei Jahren steht die in den Wehrmachtsberichten oft genannte Stadt Duisburg im Mittelpunkt der feindlichen Fliegerangriffe auf die deutsche Heimat. Im Durchschnitt hatte die Stadt bisher alle zwei Tage bzw. Nächte einen Fliegeralarm und jede Woche einen Fliegerangriff zu bestehen.“

Bis zum 12./ 13. Mai 1943 werden in Duisburg 161 Luftangriffe und 623 Alarme, davon 94 öffentliche Luftwarnungen, gezählt. Gleichzeitig hat sich die Schwere der Bombardements gesteigert.
Insgesamt sind in den drei Jahren des Luftkrieges gegen die Stadt über dem Stadtgebiet 4579 Sprengbomben, 313 Luftminen und 317.300 Brandbomben (Anm. wobei dieses nur Schätzungen sein können) zum Abwurf gebracht. Die Zahl der Toten beträgt für diese Zeit 1177. Hinzu kommen noch mehrere Tausend Verletzte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Burgplatz


Eine Erhebung der Stadt vom 22. Mai 1943 lässt erkennen, dass die in der Nähe der Hafen- und sonstiger Verkehrsanlagen (z.B. Eisenbahn) gelegenen Stadtbezirke, die zugleich besonders dicht bevölkert sind, von den bisherigen Fliegerangriffen am stärksten getroffen worden sind.
So sind an diesem Stichtag in den Stadtteilen:
Neudorf, Kaßlerfeld, Neuenkamp, Meiderich, Stadtmitte, Duissern, Ruhrort, Laar und Hochfeld die zusammen 42 % des Duisburger Hausbestandes umfassen, 88 % sämtlicher Wohngebäude völlig zerstört oder beschädigt, während von der Gesamtzahl der Duisburger Wohnhäuser 58,7 %, also 3/5 zerstört oder beschädigt sind.
Der neue Großangriff in der Nacht zum 13. Mai 1943 verfehlt diesmal sein Ziel nicht. Mehrere hundert Bomber greifen in immer neuen Wellen die Alt- und Innenstadt an und verwüsten sie größtenteils.

Die ersten Bomber sind nur teilweise erfolgreich. Die Markierungen in dieser Nacht sind perfekt und die Bombardierung des Hauptverbandes, der sich aus 238 Lancaster, 142 Halifax, 112 Wellington, 70 Stirling und 10 Mosquito Bombern zusammensetzt, konzentriert. In Duisburg schätzt man die Zahl der Angreifer auf 300 Maschinen.
Eine Feindmaschine erhält über der Stadtmitte einen Volltreffer und zerplatzt in der Luft. Die Flugzeugtrümmer gehen im ganzen Stadtgebiet zerstreut nieder. Vier Besatzungsmitglieder werden tot aufgefunden.
Eine Feindmaschine stürzt auf der Emmericher Straße in Meiderich ab und zerschellt beim Aufschlag vollständig. Offenbar handelt es sich um eine zweimotorige Maschine. Vier Besatzungsmitglieder werden tot geborgen.

Auf dem Spielplatz des Meidericher Spiel Vereins an der Westender Straße ist ebenfalls eine Maschine abgestürzt. Nähere Feststellungen können nicht getroffen werden, weil die Absturzstelle in weitem Umkreis sofort von der Wehrmacht abgesperrt und der Zutritt verboten wurde.
Eine vierte Feindmaschine stürzt auf freies Gelände an der Stepelschen Straße in Beeckerwerth und verbrennt. Es handelt sich um einen viermotorigen Bomber. Acht Mann der Besatzung werden tot aufgefunden.

Das Stadtzentrum und der Hafen erleiden schwere Schäden. Vier THYSSEN Betriebe sind beschädigt. Rund 2000 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter werden zur Schadenbeseitigung in die Stadt gebracht. Es wird nicht als notwendig betrachtet, Duisburg während der „Schlacht um die Ruhr“ noch einmal anzugreifen.


Die Bomben fallen auf:
Beeck, Bruckhausen, Dellviertel, Duissern, Fahrn, Hafengebiet, Hamborn, Hochfeld, Huckingen, Kaßlerfeld, Marxloh, Meiderich, Neudorf, Neumühl, Ruhrort, Stadtmitte, Walsum und Wanheimerort
 

Alleine der Endbericht über die Angriffsauswirkungen umfaßt 72 eng beschriebene Seiten. 82 LS Räume werden zerstört und 80 schwer beschädigt. 272 Gefallene soll der Angriff gefordert haben. 1735 Gebäude werden total zerstört, 1576 schwer-, 1657 mittelschwer- und 6953 leicht beschädigt.

Ein britischer Teilnehmer an diesem Angriff schilderte Luftkriegshistoriker Harald Molder seine Erlebnisse an den Angriff: Die Stimme des Piloten klingt nervös.

„Es ist zehn Minuten her, seit wir die gelben Kursmarkierer bei Winterswijk überflogen haben. Wir sollten schon längst über Duisburg sein. Wenn die Mosquitos nicht bald ihre roten Zielmarkierer abladen, müssen wir uns ein Ausweichziel suchen.“

„Keine Sorgen, Skipper“, antwortet der Bombenschütze aus seiner gläsernen Bodenwanne. „Wir haben noch vier Minuten bis zum Angriffsbeginn. Bleiben Sie bitte genau auf Südkurs!“
Der Pilot in allen Bombern nur Skipper genannt, grunzt bloß als Antwort. Er ist Major, und der Bombenschütze ist Sergeant. Aber beim Zielanflug ist der Bombenschütze der „Kommandant“ jedes Bombers. Die viermotorige Halifax zieht ihren Weg noch immer durch einen dunklen Himmel. Einen Himmel ohne Scheinwerfer und Flakexplosionen.
„Und wenn die Mosquitos nun zu spät kommen?“ fragt der Pilot plötzlich wieder. Er merkt nicht von den forschenden Blicken, die ihm Flugingenieur und Navigator zuwerfen.
„Die Mosquitos werden schon pünktlich sein, verlassen Sie sich drauf, Skipper!,“

kommt die beruhigende Stimme des Bombenschützen. Ein Leitungsknacken verrät, dass sich ein anderes Besatzungsmitglied eingeschaltet hat. Der Heckschütze meldet sich. „Die Flak hat Feuer frei bekommen!“ ruft er. „Sie haben auf Anhieb einen von uns erwischt. Er stürzt brennend ab...“

Im gleichen Augenblick ist auch die Kanzel der Halifax mit gleißendem Licht gefüllt. Zahllose Scheinwerfer greifen mit ihren Armen in die nächtliche Dunkelheit, greifen nach den Maschinen, die in sechstausend Meter Höhe nur mattschwarze Punkte in grenzenlosen Weiten sind.
Die ersten Flaksalven explodieren vor ihnen, reißen mit grellen Flammen die Dunkelheit auf, jagen ihre Splitter sirrend viele hundert Meter weit.
„Das sieht schlecht aus, verdammt noch mal“, murmelt der Pilot.
„Wie wir da durchkommen sollen, weiß ich nicht.“
Seine Hände krampfen sich an die Steuerung, um das Zittern zu unterdrücken. Er muß sich zusammennehmen, um die Kontrolle über sich nicht zu verlieren. Dabei hat der Major sich bereits zum zweiten Male freiwillig gemeldet, fliegt bereits seinen siebenunddreißigsten Angriff.

Da meldet sich wieder die ruhige Stimme des Bombenschützen.
„Die roten Zielmarkierer sind gefallen. Wir sind etwas vom Kurs abgekommen, Skipper. Bitte fünf Grad nach links und Bombenklappen auf!“
Die Stimme des Majors überschlägt sich hysterisch:
„Wenn ich fünf Grad nach links gehe, fliegen wir genau in den Scheinwerfer rein, Mann! Geben Sie mir gefälligst einen besseren Kurs!“ „Nicht möglich, Sir!“
antwortet der Bombenschütze bestimmt.

„Gehen Sie sofort fünf Grad nach links, wir sind bereits im Zielanflug. Links, Sir!“
Verbissen zieht der Pilot die Maschine nach links.
„Halt, nicht zu weit!“, ruft der Bombenschütze.
„Zwei Grad zurück nach rechts ... sooo ... gut so ... Ziel liegt haargenau vor uns ... bleiben Sie auf Kurs!“
Haargenau vor der Halifax liegt nicht nur das Ziel, sondern auch der Scheinwerfer. Und eine dichte Wand von Flakexplosionen.

„Das ist Sperrfeuer!“
ruft der Pilot, und sein schweres Atmen ist deutlich in allen Kopfhörens an Bord zu hören, trotz des Dröhnens der Motoren und des Krachens der Flakgranaten.
„Da kommen wir nie durch, Bombenschütze! Das ist Selbstmord. Lösen Sie die Bomben aus, ich drehe ab!“ „Sie bleiben auf Kurs, Sir!“

befiehlt der Bombenschütze. Seine Stimme ist kühl und bestimmt. Wie durch ein Wunder passiert der schwere Bomber den Lichtkegel, ohne dass der Scheinwerfer ihm folgt.
„Noch fünf Sekunden!“ ruft der Bombenschütze.
„Und dann noch fünfunddreißig Sekunden geradeaus, bis das Blitzlicht gezündet hat.“ „Das ist doch Wahnsinn, Mann!“ schreit der Major am Knüppel. Mit einem Zittern reagiert die Halifax auf den Abwurf der Bomben.
„Geradeaus, Sir!“ Mit verbissenem Gesicht steuert der Pilot die Maschine geradeaus, bis die Zielaufnahme gemacht ist. Geradeaus, das heißt mitten hinein in das Toben der Flakexplosionen, in das grelle Licht der Scheinwerfer. Fünfunddreißig Sekunden lang. „Abdrehen!“ ruft endlich der Bombenschütze. Der Pilot reißt die Maschine herum, zieht sie nach Nordwesten heraus aus der Gefahr. Nur der Bombenschätze wirft einen Blick nach unten. Dort liegt Duisburg. Eingedeckt von einem Netz blitzender Explosionen...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Altes Gymnasium Burgplatz


Auf dem Rückflug spricht niemand über die Szene, die sich beim Zielanflug abgespielt hat. Jedes Besatzungsmitglied weiß, wie leicht man die Nerven verlieren kann, wie jäh die Angst einen plötzlich anspringen kann. Niemand bricht den Stab über den Major.
Niemand sagt auch bei der Befragung auf dem Flugplatz etwas über sein Versagen. Aber der Major geht gleich nach der Landung zum Platzkommandanten, schildert ihm den Vorfall und sagt:
„Nach dieser bitteren Erfahrung kann ich die Verantwortung für meine Besatzung nicht mehr tragen. Ich muss Sie um meine Entbindung von weiteren Frontflügen bitten...“
Der Platzkommandant ist erschüttert, denn dieser junge Major hat bereits mehr als seine Pflicht getan, hat schon sieben Einsätze mehr geflogen, als von jedem Freiwilligen erwartet werden. Und jetzt wird er zu irgendeiner Fliegerschule versetzt werden, und in seinem Soldbuch werden dick jene drei Buchstaben stehen, die viele Männer mehr fürchten als den Tod: „LMF - Lack of Moral Fibre“

Und die Schreibstubenhengste und Kammerbullen der Schule werden diese vornehme Umschreibung “Mangel an Kampfmoral“ für die neuen Schüler des Majors in Umgangsenglisch übersetzen. „Feigling...“
Erst wenn die Schüler selbst einmal über Duisburg fliegen, werden sie ermessen können, wie leicht einem im Feuerhagel über dem Ruhrgebiet, dem
„Happy Valley“ die Kampfmoral flöten gehen kann...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Bismarckstraße/Ecke Memelstraße



Der fünfte Großangriff auf Duisburg während der „Schlacht an der Ruhr“, in der Nacht vom 12. zum 13. Mai 1943, wird vom Bomberkommando als ein großer Erfolg gefeiert. Dank der wissenschaftlich ausgearbeiteten Taktik gibt es kein
„Rätsel Duisburg“ mehr.

Dank des weit nach Süden verschobenen Zielpunktes sind selbst die Bomben jener Besatzungen noch auf die Stadt gefallen, die sonst schon am Rande der umkämpften Städte kehrtmachen. In dieser Nacht wird die gesamte Altstadt von Duisburg vernichtet. Ein geschlossenes Gebiet von über 80 Morgen Ausdehnung im Stadtzentrum ist in eine Trümmerlandschaft verwandelt worden.

In der Lagemeldung des Polizeipräsidenten heißt es: 
„Wenigstens 96.250 Menschen wurden in dieser Nacht obdachlos...“

Folgende Schadensbilanz ist in Duisburg zu verzeichnen:

13. Mai 1943 Rathaus Burgplatz schwer beschädigt
Rathaus Meiderich total
Stadthaus Neckarstraße mittelschwer
Stadtbücherei total
Stadtsparkasse mittelschwer
Land- und Amtsgericht schwer
Finanzamt Hamborn mittelschwer
Polizeipräsidium mittelschwer
Zollamt am Marientor total
Hauptbahnhof mittelschwer
Postamt mittelschwer
3 Luftschutz Hochbunker 1 schwer/2 mittelschwer

 

Blumenstraße

Kirchen
Liebfrauenkirche mit der unter Denkmalschutz gestellten total
Minoritenkapelle aus dem 13. Jahrhundert die aus dem 14 Jahrhundert stammende, ebenfalls unter total Denkmalschutz gestellte Salvatorkirche mit der Grabstätte  Gerhard Mercators

die 1736 erbaute Johanniskirche mit der unter Denkmalschutz total
gestellten Orgel
Christuskirche in Neudorf mittelschwer
St. Michaelskirche in Meiderich schwer die bereits früher getroffene, jedoch wiederhergestellte schwer katholische Kirche in Ruhrort die bereits mehrfach getroffene Ludgerikirche schwer

Lutherkirche mittelschwer
Pauluskirche in Hochfeld total
zwei Kirchen in Bissingheim schwer
die unter Denkmalschutz gestellte Abteikirche / Hamborn mittelschwer

zahllose Krankenhäuser
das Diakonen Krankenhaus von 1844 total
Kaiser Wilhelm Krankenhaus Meiderich schwer
Krankenhaus Papendelle (St.Vincenz) schwer
Bethesda, Marienhospital und Elisabethkrankenhaus alle mittelschwer

Johanneshospital Hamborn leicht
Städtische Frauen und Kinderklinik Neudorf mehrfach leicht
das Schifferkinderheim Ruhrort mittel
an zumeist völlig zerstörten Kulturdenkmälern kommen noch hinzu
die alte Duisburger Lateinschule von 1512, an der Mercator lehrte
das Gymnasialgebäude aus dem Jahr 1628
Waisenhaus an der Niederstraße
Curtius Pilgrim Altenheim Oberstraße
eine große Zahl mittelalterliche Häuser der Duisburger Altstadt
allein nach dem Angriff vom 12./13. Mai 1943 sind 30 Schulen schwer, 21 mittelschwer und 39 leicht beschädigt, hinzu kommen noch 6 zerstörte Schulbaracken und 2 zerstörte Turnhallen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Beeck-/Ecke Universitätsstraße

Die Verkehrsanlagen werden immer wieder schwer getroffen, so die Reichsbahnanlagen, die Straßenbahn und die für den Güteraustausch des gesamten Ruhrgebietes wichtige Duisburger Hafenanlage einschließlich der Hafenbahn.

Auch in den großen Duisburger Wirtschaftsunternehmen und Industriebetrieben werden mehrfach schwerste Schäden angerichtet. Die Mühlen, Speicher und Lagergebäude im Hafen brennen zum Teil total aus. Ferner sind rund 160 große Geschäftshäuser, darunter fast alle Großkauf- und Textilhäuser, zerstört, insbesondere diejenigen im Bereich der Münz- und Beekstraße, am Knüppelmarkt, am Friedrich Wilhelm Platz und am Sonnenwall.
 

Zerstört ist ferner die Großmarkthalle und mehrfach beschädigt der Schlacht- und Viehhof in Meiderich sowie der Hamborner Schlachthof.

Die große Zahl der vernichteten mittleren und kleinen Geschäfte aller Branchen, Apotheken, Gaststätten, Cafes, Hotels, Kinos, Operettentheater, Varietés ist kaum noch zu überblicken.
Eine der Folgen des Großangriffs auf Duisburg vom 12. / 13. Mai 1943 ist, dass die öffentlichen Schulen ab dem 13. Mai bis zum Kriegsende geschlossen werden.
Es folgen dann auch eine ganze Reihe schwerer Angriffe, aber es soll noch 17 weitere Monate dauern, bis im Oktober 1944 die mit großem Bangen erwartete Katastrophe über Duisburg hereinbricht.